World War One Gold Edition

f5afb0d0a9bd92db483cab7ec9e436e3Wir erinnern uns: Ende 2008 veröffentlichte AGEOD mit „World War One: La Grande Guerre 1914-1918“ ein ambitioniertes Strategie-Schwergewicht, das allerdings mit technischen Mängeln behaftet war und etliche Bugs enthielt. Entsprechend zurückhaltend wurde das Spiel in unserem Review bewertet. Nun liegt unter dem Titel „World War One: Gold Edition“ eine aufpolierte und verbesserte Version vor – Anlaß genug für uns, das Programm noch einmal unter die Lupe zu nehmen.

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Eine Bemerkung vorweg: Da sich an der Spielmechanik von „World War One“ (WWI) nichts Grundsätzliches geändert hat, beschäftigen wir uns im Folgenden lediglich mit den Besonderheiten der Gold Edition. Wer sich einen generellen Überblick verschaffen oder sein Gedächtnis auffrischen will, sollte also zunächst unseren ausführlichen Testbericht zur Erstfassung des Spiels lesen.
 

Die Gold-Version von WWI enthält nicht nur die unzähligen Updates, die der sehr umtriebige Programmierer seit Release angefertigt hat, sondern auch eine Reihe von exklusiven Neuerungen. Alle Unterschiede zur alten Ausgabe finden sich in einer immerhin 16 Seiten umfassenden PDF-Datei dokumentiert. – Apropos Dokumentation: Ein großes Manko der Erstveröffentlichung von WWI war das Fehlen eines zureichenden Handbuchs. Diesem Mißstand hat man gründlich abgeholfen, denn das neue Handbuch kann angesichts eines Umfangs von über 200 Seiten salopp gesagt als „fett“ bezeichnet werden. Eine im Wortsinn erschöpfende Darstellung und ein wahres Fest für diejenigen unter uns, die nach absoluter Durchdringung des komplexen Regelwerks streben! Für Ungeduldige und Schnelleinsteiger gibt es hingegen eine schmale Kurzeinführung, welche lediglich die wichtigsten Konzepte lakonisch erläutert, alles weitere aber der Experimentierfreude des Spielers überläßt.

 

Auch ohne einen Blick in das Handbuch geworfen zu haben, wird man beim ersten Start der Gold Edition eine gravierende Änderung gegenüber dem Original sofort bemerken: Die stark überarbeitete Karte. Letztere wurde nicht alleine mit neuen grafischen Details versehen; sie orientiert sich nun auch nach den Himmelsrichtungen und verwirrt somit nicht länger unsere gewohnten Wahrnehmungsmuster.

Das Scrolling der Karte kann übrigens selbst auf Rechnern mit Dual Core-Prozessoren und ausreichend RAM recht mühselig vorangehen. Linderung schafft hier die im Konfigurationsmenü aktivierbare Option „ganze Karte beim Start laden“, was jedoch erheblich längere Ladezeiten beim Start eines Szenarios zur Folge hat. Ich will es so ausdrücken: Bis in diesem Fall das Setup für ein Feldzugspiel abgeschlossen ist, kann man sich getrost noch einen Kaffee aufsetzen.

 

Im Vergleich zum Kartendesign sind viele andere Verbesserungen weit weniger spektakulär. Sie betreffen diverse Programmroutinen und werden wahrscheinlich von den meisten Nutzern gar nicht auf Anhieb bemerkt. Konzentrieren wir uns daher auf Dinge, die das Spielerlebnis merklich beeinflussen! Da wäre an erster Stelle das Interface zu nennen. In dieser Hinsicht hat man einige Umständlichkeiten beseitigt.

So läßt sich nun die Auswahl eines Kriegsplans sowie der Einsatz von Diplomaten für alle vom Spieler gesteuerten Länder bequem in einem Fenster bewältigen. Allerdings stellt sich mir unwillkürlich die Frage, warum man denselben Komfort nicht auch den Menüs für Forschung, Politik und Produktion spendiert hat.

Darüber hinaus kann man endlich mit einfachem Mausklick zwischen Nationen der eigenen Partei umschalten, wozu vormals das nervige Suchen und Auswählen einer Provinz des entsprechenden Landes erforderlich war. Sehr zu begrüßen ist auch das neue Fenster für die Armee-Verwaltung, wodurch das Management verschiedener Truppenkontingente in derselben Region, zuvor eine quälende Angelegenheit, stark vereinfacht wird. In diesem Bildschirm ist es praktischerweise auch möglich, durch alle Einheiten auf der Karte zu blättern, mittels drag & drop ganze Armeen zu reorganisieren oder Verbände einem anderen General zuzuweisen.

Eine weitere Innovation stellt die Armeeliste dar. Hierbei handelt es sich um eine Anzeige aller aktiven Armeen der eigenen Seite am rechten Bildrand. Durch Doppelklick auf das Portrait des jeweiligen Kommandeurs zentriere ich die Karte auf den Standort des Hauptquartiers. Zugleich werden alle subordinierten Einheiten auf der Karte hervorgehoben, was die Orientierung erleichtert.

 

Ein weiterer Aspekt des Spiels, an dem merklich gefeilt wurde, ist das Verhalten der künstlichen Intelligenz. Diese zeigt nun bei Auswahl ihres Kriegsplans mehr Variabilität. So nimmt der Computergegner als Deutscher auch schon einmal den alternativen Moltke-Plan (Schwerpunkt des Angriffs im Osten) anstelle des üblichen Vorstoßes durch Belgien oder bevorzugt als Franzose den Plan XX anstelle des historisch umgesetzten Plans XVII. Ähnlich verhält es sich, wenn man in der Vier-Spieler-Variante des großen Feldzugs einige Bündnispartner einer befreundeten KI überläßt.

Zudem darf man festhalten, daß sich die gegnerische Diplomatie nicht unklug auf die Beeinflussung von anfangs neutralen Schlüsselstaaten wie Italien, Großbritannien oder die USA konzentriert, um deren Eingreifen für die eigene Seite zu beschleunigen beziehungsweise umgekehrt ihr Abdriften ins feindliche Lager zu verhindern. Außerdem hat der PC-Kontrahent ein Augenmerk auf die strategischen Zielobjekte, deren Gewinn oder Verlust für den Kriegsverlauf entscheidend ist. So holten sich meine Franzosen beim Versuch der Eroberung des Elsaß eine blutige Nase, denn wichtige Städte wie Metz und Straßburg wurden von kaiserlichen Truppen zäh verteidigt. Aber auch in der Offensive ist die KI nicht untätig. So ist es mir im Vier-Spieler-Feldzug als Franzose schon vorgekommen, daß den verbündeten Russen bereits im September 1914 der Vormarsch auf Danzig gelang, während zeitgleich Österreich auf Seiten der Mittelmächte Belgrad belagerte, um Serbien frühzeitig niederzuwerfen.

 

Der an sich löbliche Aktivismus der KI hat aber auch Kehrseiten: In der Standardeinstellung (hohe Aggressivität) werden selbst angeschlagene Einheiten rücksichtslos in den Kampf geworfen. Überhaupt mutet manche taktische Entscheidung seltsam an. Einmal mußte ich mit ansehen, wie die Russen ihre Artillerie – die wichtigste Unterstützungseinheit im Spiel – bis zum Ende der Schlacht in Reserve hielten, während ihre Infanterie Runde für Runde zu Klump geschossen wurde.

Ähnlich steht es mit dem Einsatz der Ereigniskarten, die man aus dem System der Brettspielvorlage übernommen hat: Der Gesamteindruck ist positiv, aber nicht ganz ungetrübt. Generell kann man sagen, daß die Karten von der KI meist recht sinnvoll ausgespielt werden. Dennoch kommt es gelegentlich zu ärgerlichen Ungereimtheiten. So machte sich die befreundete KI bei mir unbeliebt, indem sie mir mittels Ereigniskarte Aufstände in Indochina bescherte und mich zwang, dort Garnisonen abzustellen.

Ein Service, für den man AGEOD öfter loben muß, ist die Mehrsprachigkeit vieler ihrer Produkte. Auch WWI läßt sich mit deutschen In-Game-Texten installieren – ein Angebot, das angesichts der Komplexität des Spiels sicher nicht wenige einheimische Strategen dankbar annehmen werden. Zwar wirken einige Formulierungen etwas unbeholfen und allzu wörtlich übersetzt – so etwa, wenn der englische Ausdruck „Central Powers“ in einigen Fenstern mit „Zentralmächte“ wiedergegeben wird –, doch insgesamt kann man die deutsche Sprachversion als weitgehend brauchbar einstufen. Eine Übersetzung des Handbuchs wird leider bislang nicht angeboten.

 

Bevor ich zum Resümee komme, hier die wichtigsten Änderungen und neuen Features der Gold Edition im Überblick:

 

–         Viele Hinweisfenster bieten nun die Option, die Karte zu zentrieren

–         Management-Bildschirm für Einheitenstapel, Armeen und Flotten

–         Mehr Feedback durch detaillierte Gefechtsberichte

–         Armeeliste sorgt für mehr Übersicht

–         Erweiterte Statistiken

–         Eingenordete Landkarte mit verbesserter Grafik

–         Überarbeitete Szenarien sowie ein neues 1915-Szenario

–         Informationsfenster für U-Boot-Krieg

–         Geänderte Anzeige der Schiffsproduktion in den Docks

–         Verbesserte Künstliche Intelligenz

–         Überarbeitete Menüs für Kriegspläne und Diplomatie

–         Zusätzliches Tutorial zur Einführung in das neue Interface (Version 1.08f)

–         Enthält die Bugfixes aller bisherigen Updates

 

Es steht außer Frage: WWI kann sich in Sachen Komplexität und Optionsvielfalt durchaus blicken lassen. Das Spiel birgt etliche interessante Konzepte, so etwa die Möglichkeit, Großoffensiven zur Eroberung bestimmter Regionen vorauszuplanen, oder die Einsetzbarkeit verschiedener Kampfdoktrinen, wie Grabenkrieg, Infiltration und Stoßtruppentaktik. Hinzu kommt eine passabel agierende KI, die ungeachtet aller Kritik im Detail sehr wohl für gute Unterhaltung zu sorgen weiß.

Indes bietet auch die Gold Edition kein perfektes Spielerlebnis: Die Übersichtlichkeit wurde gesteigert, ist aber alles andere als vollkommen, das Interface hat einige Kanten verloren, ist aber immer noch sperrig. Und schließlich muß man die Performance des Programms weiterhin als träge bezeichnen. Aufgrund der Verbesserungen hat aber die Gold Edition auf jeden Fall eine Aufwertung gegenüber dem Original verdient.

 

Abschließend bleibt darauf hinzuweisen, daß AGEOD für die Besitzer des Originals ein kostengünstiges Upgrade Kit bereitgestellt hat, mit dessen Hilfe sich das Programm auf den Stand der Gold Edition aufwerten läßt. Jedoch ist die Download-Version des Vollprodukts bei einem Preis von rund 30 Euro ebenfalls nicht unmäßig teuer, so daß WWI auch für Neueinsteiger erschwinglich ist.

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Post Author: monty_fzpbwyem

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